|
Ashutosh Vardhana: |
||
Am 15. November 2001 feiern Hindus in der ganzen Welt das Diwali-Fest, das Fest der Lichter. Es ist nicht nur eines der beliebtesten Feste der Hindus, sondern auch eines der wenigen, von denen nicht-Hindus gehört haben. Ashutosh Vardhana, ein Hindu-Schriftsteller, der in England lebt, erklärt die Bedeutung dieses Festes für Hindus und nicht-Hindus mit aktuellen Bezügen.
Ashutosh Vardhana:
Alle Hindus kennen die Geschichte des Gottes Ráma. Der Gott Víschnu nahm Fleisch an und wurde auf dieser Erde als Ráma, Sohn eines Königs, geboren. Er wuchs auf als Prinz, kämpfte als junger Mann mit Dämonen, bewies seine Tapferkeit, heiratete Síta, die schönste und treueste Frau der Welt, und war im Begriff, die Nachfolge seines Vaters anzutreten, der seinen Thron aufgeben wollte. Dieser hatte jedoch vor Jahren einer seiner Ehefrauen ein unüberlegtes bedingungsloses Versprechen gegeben, so daß Rámas Bruder König werden mußte, während Ráma und Síta, ohne mit der Wimper zu zucken, 14 Jahre ins Exil gingen, damit ihr Vater sein Versprechen halten und seine Ehre retten konnte. In der Verbannung wurde Síta von dem Dämonen Rávana entführt und in einem Park in Lanka versteckt. Ráma fand Bundesgenossen, stellte dem Ungeheuer nach, fand Síta, focht eine Schlacht mit Rávana und tötete ihn. Ráma und Síta kehrten in ihre Hauptstadt Ayódhya zurück. Zu Diwali, dem Fest der Lichter, feiern wir zusammen mit dem Volk von Ayódhya diese siegreiche Rückkehr und heißen Ráma und Síta in unsern Herzen willkommen. Das sind die simplen Fakten, so wie sie (mit viel mehr Einzelheiten, Abenteuern und Lehren) vor ein paar tausend Jahren aufgeschrieben wurden, aus einer noch viel älteren mündlichen Tradition. Da sich auf dieser Welt alles wiederholt, können wir jetzt die Geschichte ein zweites Mal ablaufen lassen.
Ráma stellte seine Stärke und seine militärischen Fertigkeiten unter Beweis, als er noch als Junge die Dämonen aus dem Wald Dándaka vertrieb. Er zeigte seine Bescheidenheit, seinen Gehorsam, seine Liebe für seine Eltern und seinen selbstlosen Ehrsinn, als er ohne den geringsten Widerspruch vierzehn Jahre lang in die Verbannung ging und sein Königreich seinem Bruder übergab, so daß ein Versprechen, das sein Vater unüberlegterweise gegeben hatte, eingehalten werden konnte. Wenn wir ein solches Ehrbewußtsein haben, interessieren wir uns mehr für unsere Pflichten als für unsere Rechte. Wenn wir Rámas militärische Leistungen bewundern, so bedeutet das in unsern Tagen, daß wir vorbildlich in der Ausübung unseres Berufes sein wollen, sei es als Fensterputzer und Fabrikarbeiter, oder als Ingenieure, Computerprogrammierer, Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer usw.
'Ich werde das Arschloch ausräuchern,' sagte Ráma, 'oder der Teufel soll mich holen.' Ráma war nicht nur Gott, sondern auch ganzer Mensch: deshalb weinte er über den Verlust seiner geliebten Síta (obwohl er wußte, daß diese Welt eine Illusion ist: nur Gott ist wirklich), und er mußte auch zeigen, daß er wie ein richtiger Mensch zornig sein konnte. Ein guter Soldat flucht, selbst wenn er ein ehemaliger amerikanischer Präsident, ein König oder ein Gott ist. Als erfahrener Diplomat wußte Gott Ráma, wie wertvoll treue Freunde sind, und er schloß Bündnisse mit vielen Regierungen, nicht nur islamischen, sondern sogar mit einem Stamm von Affen und Bären und ihrem Premierminister Sugríva, der Englisch mit britischem Akzent sprach und anbot, in diesem Konflikt 'Seite an Seite' mit Gott Ráma zu stehen: 'Wenn wir schreiten Seit' and Seit' ... und es muß uns doch gelingen', stimmten sie an. General Hánuman mit seinen Bären und Affen (alias Fallschirmjägern, Elitetruppen and SAS-[Special Air Service, shoot-assess-shoot]-Truppen) machte sich auf, das Ungeheuer in Dschungel und Höhlen zu finden. Die Tauben (alias Tarnkappen-Bomber, stealth bombers) und andere Vögel (alias Aufklärungsflugzeuge) halfen ihm, insbesondere der tapfere König der Geier, Jatáyu, der sein Leben opferte, als er versuchte, Síta von Rávana zu retten.
Als Hánuman auf einer Aufklärungs-Aktion in der heiligen Stadt Mazár-I-Sharíf (alias Lanka) war, nahmen die Dämonen ihn als Spion (das war er tatsächlich) fest, tunkten seinen Schwanz in Erdöl (soweit war die geplante Pipeline gediehen!) und zündeten ihn an. Sie hielten das für einen guten Witz. Aber er erwies sich als Fehlzündung. Hánuman konnte sich befreien und raste über die Dächer der Stadt, wobei er kräftig mit dem Schwanz wedelte, einen Feuersturm erzeugte (er war der Sohn des Windgottes Vayu), welcher die schöne Stadt zerstörte. Das hieß 'Kollateralschaden'. 'Wir sind doch hier nicht in Dresden!' sagten die Dämonen, aber da war es schon zu spät.
'Es ist eine alte Geschichte, Als Ráma des Kampfes überdrüssig war, tötete er Rávana, indem er eine Exocet-Rakete in seinen Magen schoß, denn dort befand sich, wie auch bei einigen von uns, Rávanas Seele. Aber Rávana war ein Edel-Dämon. Er war besessen von seinem Gottes-Haß (so wie einige Leute von ihrem Amerika-Haß). Er verehrte Gott als seinen Feind. Unsere heilige Schrift, das Shrímad Bhágavatam, sagt wiederholt, daß dies eine der überlieferten Formen der Gottesverehrung ist. Wir können Gott als unser Kind (Bala Krishna), als unsern Liebhaber, als unsern Freund, als unsere Mutter, als unsern Vater, und als unsern Feind verehren: er-sie ist so groß, daß er-sie uns akzeptiert, auf welchem Weg auch immer wir an ihn-sie herantreten.
Gott als Feind zu verehren ist anstrengend und erfordert viel Mühe und Leiden für den Menschen, der diesen Weg wählt. Die gerechten und die selbstgerechten Menschen werden ihn für das bestrafen, was er in seinem Kampf gegen Gott tut. Das ist ihre Pflicht. Der Kämpfer gegen Gott hat eine andere Pflicht. Er muß Gott ausmanövrieren. Er muß sich die Waffen, die Gott auf ihn abschießt, gefallen lassen oder versuchen, sie abzufangen. Und diese Waffen sind furchtbar, wie wir gerade jetzt über Afghanistan sehen können. Am Ende wird der Feind Gottes mit Sicherheit unterliegen. Deshalb ist es besser, wenn wir normalen Leute (wir sind nicht alle dazu bestimmt, Heilige oder Helden zu sein) einen einfacheren Weg wählen, Gott zu verehren, z. B. als Mutter, Vater, Liebhaber oder Freund - indem wir 'gut' sind, und nicht, indem wir 'böse' sind.
Wir feierten die Niederlage Rávanas an dem Daschéra-Fest (oder Vídjaya Dáschmi; 26. Oktober in diesem Jahr), einen Tag nach dem Ende von Navarátri. Gott Ráma brauchte neunzehn Tage (in Afghanistan wird es viel länger dauern), um das Schlachtfeld zu säubern, die Minen zu beseitigen, die Toten zu begraben, Witwen- und Waisenrenten zu zahlen, humanitäre Hilfe zu verteilen und eine 'demokratische Regierung auf breiter ethnischer Grundlage' in Lanka einzusetzen. Rávanas Bruder, ein guter Dämon, wurde zum König gemacht. Dann kehrte Ráma in seine eigene Hauptstadt, Ayódhya, zurück, wo sein Volk ihn sehnsüchtig erwartete. Seine Verbannung war beendet, nach 14 Jahren hatte das Volk seinen geliebten König wieder. Das war der Anfang des goldenen Zeitalters in dem Königreich Ayódhya, in welchem damals Gerechtigkeit und Freiheit, Liebe und Wohlstand herrschten. Wenn wir uns über Politik streiten, wenn wir unsere politischen Entscheidungen machen, selbst wenn wir abstimmen (und die meisten von uns kommen nicht näher an die Politik heran), dann sind dies einige der Ideale, die wir zu verwirklichen suchen. Wir können es nie so vollkommen schaffen, wie es Gott Ráma in jenem goldenen Zeitalter tat, aber mindestens ist dies die Richtung, in die wir zielen.
Das bedeutet nicht, daß es nicht nötig war, Rávana zu töten. Manchmal müssen sogar edle Menschen getötet werden, nämlich wenn sie zu edel für diese Welt sind. Es mag nötig sein, Rávana und seine Kohorten zu töten, seine terroristischen Organisationen zu demontieren, aber wir können dies mit Mitgefühl tun, und es ist nicht nötig, dabei entrüstet oder selbstgerecht zu sein.
Die Geschichte von Gott Ráma ist in Valmíkis Sanskrit-Epos 'Rámayána' und in dem Hindi-Epos 'Rámayána' von Túlsidás aus dem 15. Jahrhundert niedergeschrieben. Nacherzählungen dieser Epen gibt es auf deutsch und in andern westlichen Sprachen. Email: ashutosh.vardhana@tudo.co.uk Copyright 2001: Ashutosh Vardhana Geschrieben am 11. Oktober 2001
Ashutosh Vardhana ist in Europa aufgewachsen und wohnt in Yorkshire, England. Er studierte in London. Er beschäftigt sich gern mit vergleichender Religionswissenschaft und schreibt jetzt erzählende Prosa, Gedichte und Essays. Seine 'kreativen' Arbeiten sind veröffentlicht worden in Dipika (London), Writers' Forum (Bournemouth, UK), Scavenger (Osage City, Kansas, USA), The World of English (Peking) und Pphoo (Calcutta), und im Internet. Vier Geschichten von Ashutosh Vardhana sind zur Zeit auf folgender Website zu finden: http://www.tudo.co.uk/hindustories/index.html Es handelt sich um die Geschichten folgender Feste: - Navarátri
|
||